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Neues aus der Neustraße

Eschweiler. Die Attraktivierung der Innenstadt ist eine komplexe Sache. Auto- und Fußgänger-Verkehr, Einzelhandel, Umweltschutz, Bürgerwünsche und finanzielle Realisierbarkeit lassen sich kaum elegant unter einen Hut bringen. Im Zuge einer Zukunft mit dem Rathausquartier in der nächsten Zeit gerät nun eine notwendige Diskussion in Gang, in der es auch um die Teil-Öffnung der Neustraße für den Autoverkehr geht. Möglicherweise der einzige richtige Schritt, um den innerstädtischen Einzelhandel vor dem Aussterben zu bewahren und Eschweiler wieder insgesamt lebendig zu gestalten.

Fußgängerzone mit reduziertem Verkehr?

Stefanie Jakobs ist Einzelhändlerin und mit ihrem Geschäft bereits seit 2003 in der Neustraße. Sie beobachtet Besucherzahlen und Kundenfrequenz sehr genau. Da gehe der Trend, was viele Geschäftskollegen auch bestätigen,  seit vier bis fünf Jahren rapide abwärts. Sie pflegt daher eine eher ernüchternde Meinung: „Ich denke, dass es in zehn bis fünfzehn Jahren den Einzelhandel, wie wir ihn heute in Eschweiler kennen, schlicht nicht mehr geben wird. Ich glaube, dass nur diejenigen eine Chance haben werden, die zweigleisig fahren, also zu ihrem Ladenlokal auch per Internet Geschäfte machen, so wie es einige Firmen bei uns ja schon tun.“ Einen Testlauf für die Teil-Verkehrsöffnung der Neustraße würde sie befürworten, auch wenn sie die technischen Hürden wie Parkflächen-Kennzeichnung und Beschilderung natürlich erkennt: „Es wäre einen Versuch wert. Vielleicht ist die Sache auch eine professionelle Studie wert, anstatt nur auf die Bauch-Entscheidung des Einzelhandels zu vertrauen.“ Die Gegner der  Idee kann Stefanie Jakobs zwar verstehen, gibt aber zu bedenken, dass generelle Probleme der Luftverschmutzung nicht alleine durch die eventuelle Mehrbelastung in der Fußgängerzone verursacht werden. Die vereinfachte Formel „Flanieren vor leeren Läden“ hält sie für durchaus zutreffend, verkürzte Parkzeiten für Kunden vor den Läden für sinnvoll und mehr Gastronomie in der City für absolut wünschenswert.

Mit dem Charme einer verlassenen Western-Stadt

Brigitte Averdung-Häfner betreibt ihr Fotostudio in der Neustraße.  „Ich plädiere schon seit zehn Jahren dafür, die Neustraße für den Autoverkehr freizugeben. Ansonsten sieht es hier demnächst aus wie in einer verlassenen Western-Stadt. Siehe Schnellengasse oder City Center. Da standen plötzlich auch alle davor und wunderten sich, was passiert ist. Früher konnte man wirklich prima zwischen den Geschäften hin- und herwandern.“ Ist Stolberg wirklich ein gutes Beispiel für den direkten Vergleich? Da wurde doch erst die Öffnung der Fußgängerzone propagiert, als alle Geschäfte schon nahezu von der Bildfläche verschwunden sind. Und auch wer bei uns von Umweltschutz-Aspekten spricht, sollte doch fairerweise mal einen Blick auf die RWE-Türme werfen und den dichten Verkehr an anderen Stellen der Stadt. Sauberere Luft durch ein paar Meter weniger Innenstadtverkehr hält sie für einen Witz. Auch sie kann zumindest eine Test-Phase mit reduziertem Verkehr in Einbahnstraßenführung auf der Neustraße gutheißen: „Finde ich gut. Ein paar Parkbuchten kenntlich machen wäre schon mal ein guter Anfang. Überall in Deutschland suchen die Städte nach Möglichkeiten Fußgängerzonen wieder für den Autoverkehr freizugeben. Das Problem besteht nicht nur in Eschweiler. Der Aufenthaltswert ist bei uns leider nicht so hoch, dass man stundenlang durch die City flanieren könnte. Wir leben in einer Zielkauf-Innenstadt.“

Kein „goldenes Rezept“

Apotheker Martin Katzenbach war jahrelang Mieter im City Center, bevor es ihn an die Ecke Marktstraße / Indestraße zog. Er sieht die Gesamtsituation wie folgt: „Wir haben in allen vier Himmelsrichtungen am Rande der Stadt alles, was benötigt wird. Für Produkte des täglichen Lebens braucht nahezu niemand mehr in die Innenstadt hineinzufahren. Der ursprüngliche Einkaufscharakter unserer City ist dramatisch geschrumpft. Ich bin der Ansicht, das unsere Stadt nur noch für den Zielkauf genutzt wird. Das wiederum spricht dafür, das wir die Geschäfte mit dem Auto anfahren können sollten, um halbwegs noch einen Wettbewerb mit den am Stadtrand liegenden Läden zu ermöglichen.“ Vor diesem Hintergrund plädiert der Apotheker für eine Teilöffnung von Graben-, Neu- und Englerthstraße, zumindest für den Schrittverkehr. Es sollte aber vorher ein geeignetes Konzept entwickelt werden, d.h.  Kurzzeitparkplätze und Parkhaus. Einfach die Straßen für den Verkehr zu öffnen, gäbe sicher ein Chaos. Und die Luftreinhaltung? „Wir haben ein Braunkohlekraftwerk, eine MVA, Busse mit veralteter Motorentechnologie und vieles mehr. Autos bilden nur einen Bruchteil der Innenstadt-Belastungen.“ Und zur Attraktivierung der Innenstadt? „Man begebe sich mal an verschiedenen Wochentagen und zu verschiedenen Uhrzeiten in die Innenstadt. Unterwegs sind abgesehen von Markttagen relativ wenige Menschen. Diese Wenigen wird man kaum durch kostspielige Anlagen beglücken. Wenn wir das, was wir im Augenblick haben, ordentlich pflegten, wäre das schon ein erster guter Schritt. Ein sauberes Stadtbild sollte obere Priorität haben. Im Bereich des Marktes herrscht übrigens noch starker Verbesserungsbedarf im Miteinander zwischen Verkehr und Fußgängern.“ Weitere Impressionen zur Neustraße finden Sie auf unseren facebook-Seiten