29.07.2020
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100 Jahre Handball in Eschweiler

Vor genau einem Jahrhundert wurden Sportvereine im Westen Deutschlands auf das neue Handballspiel aufmerksam. Auch Fritz Hermanns erhielt 1920 das Rundschreiben des Sportverbandes und machte sich auf den Weg nach Berlin, wo der Sportlehrer Carl Schelenz die ersten Handballregeln verbreitete. Zurück in der Heimat, begeisterten sich seine Kameraden aus der Leichtathletikabteilung des VfR 1910 Eschweiler an der Spielidee. Sie gründeten eine der ersten Handballabteilungen im gesamten Westdeutschen Raum. Schon im Herbst traten die Eschweiler Handballpioniere zu einem ersten Spiel an und gewannen 7:2 gegen die Sportfreunde Vorwärts Aachen. Das torarme Resultat verrät bereits, dass Handball in seinen Ursprüngen anders gespielt wurde, und zwar auf dem Fußballfeld mit Fußballtoren statt in (damals kaum existierenden) Hallen. 

1000 Zuschauer am Patternhof
Im Feldhandball baute der VfR rasch drei sehr starke Herrenteams und eine Jugendmannschaft auf. Nach dem Zusammenschluss mit dem Fußballklub Sportfreunde Schwarz-Weiß zu Grün-Weiß Eschweiler (1927) bildete sich zusätzlich ein Damenteam. Dieses siegte zum Einstand 3:2 gegen Alemannia Aachen und erkämpfte sich auf Anhieb die Meisterschaft. Im selben Jahr eröffnete der schon 1895 gegründete Turnerfreundschaftsbund (TFB) Röhe ebenso eine Handballabteilung. Die Leitung um Peter Elsen verpflichtete die Sportler, parallel weiter an den Turnstunden teilzunehmen. Röhes Feuertaufe markierte ein 1:1 gegen DJK Siegfried Dürwiß. Ohnehin wurde Handball zu jener Zeit noch von mehreren anderen Vereinen in der Stadt praktiziert, u.a. SV Nothberg, TV Eschweiler, VfB Stich, TV Hehlrath, Postsport Eschweiler. Lokalkämpfe auf dem Patternhof lockten bis zu sagenhafte 1000 Zuschauer an. Am 23.08.1930 stieg an der Talstraße das erste Duell zwischen Röhe und Grün-Weiß, dem Vorgängerverein der heutigen Eschweiler SG (Ergebnis 2:3). Der mittlerweile auf einem Rasen an der Stoltenhoffstraße und später hinter der Röher Kirche beheimatete TFB war sportlich auf zügigem Vormarsch.

2 Jahre höchste deutsche Liga
1933 durfte die Anhängerschaft zum Eintrittspreis von 40 Pfennig beobachten, wie Röhe als erste Eschweiler Mannschaft um die Rheinische Meisterschaft spielte. Zweimal verpasste der kleine Verein den Aufstieg in die damals höchste deutsche Spielklasse. Auch die Grün-Weißen konnten die Chance darauf zunächst nicht ergreifen. Allerdings verbesserten sich deren Bedingungen durch die Fusion mit dem ebenfalls ambitionierten Eschweiler Ballspielverein (1939). Somit entstand der Großverein ESG mit seinen zahlreichen Abteilungen. Der erste große Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Nach dem Krieg machten die Handballer mit Leiter Hubert Lehnen 1948 den Sprung ins Oberhaus perfekt. Zwei Jahre maß sich die ESG in der Oberliga mit den Besten im Westen, darunter dem namhaften VfL Gummersbach. Anschließend ging es eine Etage tiefer wieder gegen den Lokalrivalen aus Röhe, der kurzzeitig Sportfreunde Röhe hieß, weil die Besatzungsmächte die Deutsche Turnerschaft verboten hatten. Ende der 1950er-Jahre mussten erst die ESG und dann der, für die nächsten fünf Jahrzehnte von Adi Elsen mit geführte, TFB in die Kreisliga und phasenweise 1. Kreisklasse runter.

Nationalmannschaften zu Gast
Obwohl bei den beiden lokalen Aushängeschildern also eine ungewohnte Erfolgsdürre einsetzte, brauchten die Eschweiler Fans nicht auf großen Handball-Glanz zu verzichten. Vier Jahre nach dem ersten Turnhallen-Neubau in der Stadt wurde Anfang 1965 die wenige Monate vorher fertiggestellte Jahnhalle mit einem Turnier deutscher Spitzenvereine eröffnet. Hinzu kamen an gleicher Stelle ein von der ESG ausgerichtetes Frauen-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich und später ein durch Röhe organisiertes Gastspiel der deutschen Männer-Nationalmannschaft gegen eine Mittelrheinauswahl (Ergebnis 31:11). Hallenmeisterschaftsrunden für alle Vereine führte der Verband 1965 ein. Fortan fuhr man zweigleisig: Im Winter fanden Ligaspiele in der Halle statt, im Sommer ging es um Punkte draußen auf dem Großfeld. 1973 wurde Hallenhandball letztlich zur Hauptsportart erklärt. Von der international eh schon abgeschafften Freiluftversion zogen sich viele Vereine abrupt zurück. Die beiden Eschweiler Klubs zogen aber traditionsbewusst durch bis zur endgültigen Beendigung des einst beliebten Outdoor-Spielbetriebs 1976. Die ESG mit ihrem Langzeit-Torwart Willi Bergs stieg sogar nochmal in die Landesliga auf und gehörte unter Mitwirkung ihrer Vorgängervereine zu den wenigen Adressen, die den Feldhandball vom Anfang bis zum Ende seiner Geschichte ausübten.

Mit Nachwuchs zum Erfolg
Das schnellere, torreichere und somit als attraktiver eingestufte Hallenspiel stieg rapide in der Gunst der Zuschauer. Da 600 Besucher die Top-Partien sehen wollten, verkaufte die ESG Saisonkarten, die einen „garantierten Sitzplatz“ beinhalteten. In ohrenbetäubender Lautstärke machten es die Fans jeder Gastmannschaft schwer und leisteten ihren Beitrag zu sechs Jahren (!) ohne Niederlage in der heimischen Jahnhalle und den drei Aufstiegen in die Kreisliga (1973), Landesliga (75) und Verbandsliga (76) unter Spielertrainer Peter Schöner. Ein weiteres entscheidendes Erfolgsrezept: Die Abteilung, in der Alfred Waltermann inzwischen nach 20 Jahren die Leitung an seinen Sohn Manfred übertragen hatte, leistete hervorragende Nachwuchsarbeit. Die ESG-Junioren gewannen in mehreren Altersklassen Kreis- und Mittelrheinmeisterschaften, stellten Westdeutsche Auswahlspieler, beispielsweise mit Volker Schuransky und Roland Hampel. Die Talente rückten schließlich in den Erwachsenenbereich auf und bewiesen sich in den hohen Spielklassen.

„Eschweiler Handball-Boom“
Mit dem Oberliga-Aufstieg der 1. Mannschaft der ESG und den parallelen Meistertiteln von 2. Mannschaft und Damenteam des Vereins begann 1978 der in den Chroniken so genannte „Eschweiler Handball-Boom“ mit zuvor nicht für möglich gehaltenen Erfolgen. Röhe bewältigte nach Jahrzehnten in der 1. Kreisklasse und Kreisliga 1981 unter Trainer Dieter Hellemeister und Obmann Kurt Schröter den Landesliga-Aufstieg und mischte diese Klasse in der neuen Kaiserhalle bis zum Abstieg sechs Jahre später unter anderem durch den treffsicheren Udo Schlotterhose auf. Die ESG – von nun an in der neuen Eichendorffhalle zuhause – begeisterte auch in der Oberliga, schnupperte 1980, 82, 83 als Vizemeister am erneuten Aufstieg, obwohl andere Vereine erheblich größere Finanzmittel besaßen. Angezogen von der Entwicklung, stießen Spieler aus der Umgebung zu dem aus lauter „Eigengewächsen“ bestehenden Kader hinzu. 1984 sollte es so weit sein: Als Meister ging es für Coach Schöner und seine Jungs in die Regionalliga hinauf. Während der anschließenden, goldenen vier Jahre fehlte 1987 mit dem früheren Torjäger Wilfried Schmitz als Trainer nicht viel, und die ESG mit Leistungsträgern wie Stefan Tiedke, Frank Braun, Jo Müller und Heinz-Peter Kugel hätte sogar die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga bestritten. Doch dass die Leistungsgrenze erreicht war, verdeutlichte die Folgesaison. Dem Druck im nicht eingeplanten Abstiegskampf hielten die Akteure nicht stand. Allerdings korrigierten sie den „Betriebsunfall“ durch den direkten Wiederaufstieg. Von 1989 bis 91 spielte man unter dem vom Spieler zum Trainer gewordenen Walter Dilly noch einmal drittklassig.

ESG-Rückstufung, Röhes Rückzug
Röhe feierte unterdessen zweimal die Kreismeisterschaft (1988/89), unterlag aber in den Aufstiegsspielen und konnte somit nicht mehr an die Landesliga-Erfolge anknüpfen. Bei der ESG waren derweil die Regionalliga-Tage gezählt. Wieder in der Oberliga angekommen, ereignete sich obendrein ein Aderlass an Aktiven. Gleichwohl blieben die Erwartungen weiter hoch; Frust auf vielerlei Ebenen kam auf. Es reifte der Entschluss, mit ausschließlich einheimischen Spielern etwas Neues aufzubauen und sich 1993 in die Kreisliga zurückstufen zu lassen. Obwohl Offizielle des Handballverbandes diesen Schritt zunächst mündlich zusicherten, fand sich die ESG letztlich in der 2. Kreisklasse wieder (der Spielklasse der 2. Mannschaft). Nachdem der Ärger über die skandalösen Umstände verraucht war, kehrte das Team binnen zwei Jahren in die Kreisliga zurück. Ebenfalls 1995 beging der TFB sein 100-jähriges Vereinsbestehen. Der Klub verfügte oft über zwei Herrenteams und seit 1988 auch über eine Damenmannschaft. Im Oktober 2012 richtete er erstmals gemeinsam mit der ESG den Raiffeisen-Bank-Cup aus. Zu einer dauerhaften Zusammenarbeit kam es zwischen den Lokalrivalen jedoch nicht. Mehrfach angelaufene Gespräche endeten ohne eine Fusion. Da beim TFB gleichzeitig der Nachwuchs ausblieb, stellte der Verein im vergangenen Jahr leider die Aktivitäten der Handballabteilung ein (die Turnabteilung existiert aber weiterhin) – ein Verlust für die Eschweiler Sportlandschaft.

Jubel zum Jubiläum
Die ESG-Handball wurde, wie alle Abteilungen des vorherigen Großvereins, zu Beginn des Jahrtausends ein eigenständiger Klub. Seitdem ging die Anzahl der Mitglieder nach oben. Allein im Jugendbereich spielen aktuell 144 Kinder und Jugendliche in neun Jungen- und drei Mädchenmannschaften. Dazu gibt es drei Herrenmannschaften und ein Damenteam. Die 1. Mannschaft bewegt sich ab 2005 bis auf eine Ausnahme maximal zwei Jahre am Stück in der Kreisliga oder der darüber liegenden Landesliga. In diesem Jahr, pünktlich zum 100. Geburtstag des Eschweiler Handballs, bejubelte die Mannschaft den fünften Landesliga-Aufstieg in dieser Zeitspanne. Jetzt sind die Blau-Gelben in die Liga gekommen, um länger zu bleiben. Die nachrückenden Junioren (die B-Jugend schaffte kürzlich den erneuten Sprung in die Oberliga) sowie die gewohnt ansprechende Zuschauerunterstützung machen Hoffnung, dass dies gelingt.

Tim Schmitz
Spezieller Dank für die Unterstützung an Klaus Fehr und Michael Weber!
Fotos: Eschweiler SG, TFB Röhe, Peter Schöner, Adi Elsen