24.02.2021
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Eschweiler Vereine drängen auf Perspektive für den Amateur- und Freizeitsport

Schon vier Monate Zwangspause ohne Training und Vereinsleben und noch lange keine „Normalität“ in Sicht. Im Gegensatz zum kontrovers diskutierten Profisport befinden sich die Amateur- und Breitensportler weiter im Lockdown. Aspekte des Sports wie sinnvolle Freizeitgestaltung und gesundheitliche Vorteile stehen hinter dem erhöhten Infektionsrisiko durch mehr soziale Kontakte zurück. Erst bei einer Inzidenz von 35 soll über die Wiederaufnahme von Vereinssport nachgedacht werden.

Immerhin: Seit diesem Montag sind die Sportanlagen für die Nutzung Einzelner wieder geöffnet. Das freute die Golfer von Haus Kambach. Tennisspieler dürfen sich ebenso Hoffnungen machen. „Es ist sowieso nicht nachvollziehbar, dass einige Bundesländer Einzelpartien in der Halle gestatten und NRW nicht“, merkt Inge Stahlberg an. Ihr Klub, die ESG-Tennis, nutzte die Auszeit gleich zur Renovierung von Duschen und Umkleiden.

Auch am Fußballplatz des SC Berger Preuß wurde vor nicht allzu langer Zeit gebaut. An der soliden Finanzierung des in Eigenleistung entstandenen Schulungsraumes würden die fehlenden Einnahmen durch Corona nichts ändern. Allerdings erklärt Vorsitzender Stefan Harter: „Heute ist man mit ähnlichen Bauvorhaben sicher zurückhaltender. Man fragt sich, wie die Vereinslandschaft nach der Pandemie aussieht. Bringen Turniere und Festivitäten dann noch genauso viel ein, und was sind die langfristigen Folgen für das Vereinswesen und die Mitglieder, vor allem im Hinblick auf Kinder und Jugendliche?“

Kinder fangen bei Null an
Für Udo Martinett, Cheftrainer der Wasserfreunde Delphin, verliert der Nachwuchs ein ganzes Jahr in seiner sportlichen Entwicklung: „Bei den Anfängern werden manche wieder ganz bei Null anfangen müssen. Unsere ohnehin 150 Kinder umfassende Warteliste wird so länger statt kürzer, weil wir sie nicht abarbeiten können.“ So viele Interessierte bescheren dem Schwimmklub gewiss auch eine komfortable Lage. Andere Vereine bekommen hingegen deutlich die Auswirkungen davon zu spüren, dass sie nichts anbieten dürfen. So ging die Mitgliederzahl der ESG-Turnen von 444 vor einem Jahr auf jetzt unter 380 zurück, obwohl man im ersten Quartal auf Beiträge verzichtete. „Wir haben immer wieder welche, die aufhören. Das Problem sind aber die fehlenden Neuanmeldungen. Niemand sucht derzeit einen Sportverein“, schildert Vorsitzender Günter Koch.

Kommen alle Aktiven und Ehrenamtler zurück?
Außergewöhnliche Mitgliederverluste sind in Eschweiler jedoch die Seltenheit. Ob sich Teile der Angemeldeten aber – aus Angst vor einer Erkrankung oder weil schlicht das Interesse nachließ – noch zurückziehen, wird sich erst herausstellen, wenn es nach dem Lockdown wieder los geht. Das gilt neben den Aktiven aller Altersgruppen gleichfalls für die Ehrenamtler im Umfeld. „Wenn man so lange raus ist und die vorher dem Sport vorbehaltene Zeit nun über Monate anderweitig genutzt hat, geht möglicherweise die Motivation verloren“, äußert Falke Bergraths Vorsitzender Reiner Gülpen Sorgen. In dem über 600 Mitglieder großen Klub spielt sich in den drei Abteilungen Fußball, Tischtennis, Aerobic aktuell nichts ab. Gülpen: „Die sozialen Kontakte leiden, das Vereinsleben ist tot ohne das Geschehen auf dem Sportplatz. Die Wiederaufnahme des Übungsbetriebs wäre das Wichtigste überhaupt.“

Es ist das, was sämtliche Verantwortlichen und Aktiven vereint: Der dringende Wunsch nach einer Öffnungsperspektive. Christoph Herzog, Vorsitzender des Stadtsportverbandes, verdeutlicht, dass es sich hierbei nicht nur um ein Thema für die Mitglieder, sondern für die gesamte Gesellschaft handelt: „Der Sport gibt –wie Kultur und Brauchtum – der Gesellschaft eine Perspektive. Der gesellschaftliche Zusammenhalt entsteht nicht von selbst, sondern insbesondere auch in den Sportvereinen. Sie sind Orte der Integration, Inklusion und des sozialen Umgangs miteinander. Zudem wollen sich speziell Kinder dort endlich wieder auspowern.“

Stufenplan vorgestellt
Der zugleich politisch engagierte Herzog weiß die existenziellen Fragen dieser Tage (z. B. bei Gastronomie und Handel) natürlich als noch dringlicher einzuordnen. „Dennoch darf der Amateur- und Freizeitsport auf seinen Stellenwert hinweisen, ohne sich nach vorne zu drängeln. Er sollte in den nächsten Beschlussfassungen zu Lockerungen berücksichtigt werden. Derzeit findet sich die Bedeutung von Sport und Ehrenamt nicht flächendeckend in den politischen Handlungen wieder.“

Der Landessportbund NRW schlug der Politik einen „Stufenplan“ vor. Er sieht bei gewissen Inzidenzwerten die Freigabe bestimmter Sportangebote vor, sodass diese differenzierter betrachtet werden, anstatt sie pauschal alle zu untersagen. Hygienekonzepte existieren schon aus dem Vorjahr. Die Vereine sind zu einem Mehraufwand bereit, um wieder aktiv sein zu dürfen. Bis es soweit ist, versuchen die Klubs, das Beste aus der Situation zu machen. Das bei vielen mehrmals wöchentlich angebotene Online-Training wird rege genutzt und auch über die sozialen Medien halten die Mitglieder Kontakt.

Tim Schmitz