17.10.2020
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Die dritte Chance führt bei low-tec zum Sieg

Der dritte Weg oder die dritte Chance: Grundsätzlich versteht sich low-tec als Ort der Zukunft, wo jenen jungen Menschen Perspektiven gegeben werden, die bisher scheiterten. Das neueste Projekt der Produktionsschule ist dabei in mehrfacher Hinsicht ein Erfolg.

Gemeinnützige Arbeitsmarktförderungsgesellschaft ist der sperrige Begriff, der dort ansetzt, wo junge Menschen scheinbar ohne Perspektive ihr Leben führen. Wenn Abitur und Ausbildung nicht zu einem Abschluss gekommen sind, resultieren Maßnahmen, um nicht in der Erwerbslosigkeit zu verharren und etwas Sinnvolles mit dem eigenen Leben anzufangen.

Low-tec ist eben so ein Standort, an dem Schulisches mit Praktischem vereint wird. Eine hohe Bedeutung hat dabei, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine feste Tagesstruktur zu geben und das fängt mit dem morgendlichen gemeinsamen Frühstück an.

„Wir sind froh, dass das Jobcenter in der StädteRegion uns derart unterstützt, sodass wir mittlerweile von Wechseln in der Politik unabhängiger geworden sind“, sind sich Britta Leipertz, Standortleitung in Eschweiler, und Werkpädagogin Olga Stevens einig.

Dass low-tec jungen Menschen nicht nur die Chance gebt, den Hauptschulabschluss nachzuholen, in dem Unterrichtseinheiten an einem außerschulischen Lernort gegeben werden, liegt bei einem Rundgang durch den Eschweiler Standort in der Südstraße auf der Hand.

Der Produktionsansatz
Als anerkannte Produktionsschule agiert low-tec als eigenständiger Betrieb, in dem junge Menschen eigenhändig vor allem handwerkliche Arbeiten durchführen können, die schlussendlich auch zu Einnahmen führen. Hier lernen Menschen, die mitunter in der zweiten oder dritten Generation Hartz IV beziehen, dass Arbeit etwas bringt. Aber gerade die berufliche Orientierung durch verschiedenste praktische Arbeiten steht in den Werkstätten ebenfalls im Vordergrund. „Das Ziel, die jungen Menschen in Ausbildungen zu vermitteln, klappt oftmals. Aber bereits hier lernen sie, dass sie bestimmte Rechte und Partizipationsmöglichkeiten, aber ebenso Pflichten wie Pünktlich- und Zuverlässigkeit haben“, so Olga Stevens und ergänzt: „Es gibt verschiedenste Gründe, warum man ein Schulabbrecher oder -Verweigerer ist. Wenn solche zu uns kommen, gehen wir insofern tolerant damit um, dass wir ihnen sagen: Was war, das war.“

Preisverdächtig: „un desastre crew“
„Ich war – ich bin – ich werde“ lautete der Name des ersten Upcycling-Wettbewerbs des Bundesverbandes der Produktionsschulen e.V. Noch vor der Corona-Pandemie lief dieser an. Bei low-tec beteiligten sich rund 20 junge Menschen aus Eschweiler und Stolberg daran und lernten zunächst das Thema kennen, um in einem Brainstorming zu erörtern, was man aus nicht mehr recyclebaren Gegenständen noch produzieren kann. Nach verschiedenen „Produkten“ entschied man sich für eine Lampe. Die Gruppe mit dem Namen „un desastre crew“ skizzierte, baute einen Prototyp und schließlich das fertige Produkt.

„Ich war ein Baum, ich bin eine Papprolle und ich werde eine Lampe“ war somit der Beitrag aus Eschweiler bei dem bundesweiten Wettbewerb. Man besorgte sich von der Dürener Papierindustrie die Papprollen, die derart gepresst und mit Klebstoffen verarbeitet sind, dass sie sich üblicherweise nicht recyclen lassen. Daraus bauten die jungen Menschen den Lampenschirm, indem sie unter anderem die Oberfläche bearbeiteten, die Form anpassten und eine Fassung und LED-Lampe integrierten. Anpassungsfähig ist das fertige Produkt zudem, denn dank der einheitlichen Fassung lässt sich ein Lampenschirm mühelos gegen einen anderen austauschen.

Die Freude war schließlich groß, als man den Upcycling-Wettbewerb für sich entscheiden konnte und sich gegen alle Teilnehmer durchsetzte. Das Preisgeld in Höhe von 750 Euro konnte diese Woche durch Martin Mertens, Vorsitzender des Bundesverbandes der Produktionsschulen, und einem Vertreter des Jobcenters der StädteRegion zwar nicht persönlich überreicht werden, aber den Betrag erhält die Gruppe trotzdem und hat bereits geplant, davon ins Phantasialand zu fahren.

Immer im Fluss
Michael Wohmann, der als Werkpädagoge neben Stevens das Projekt hauptsächlich begleitete, weiß: „Hier entstehen ständig neue Ideen und auch die Lampe ist nach dem Wettbewerb noch nicht abgeschlossen, derzeit wird sie weiterentwickelt.“

Weiterentwickeln will man sich bei low-tec vor allem vor dem Hintergrund des Corona-Virus. Normalerweise werden die produzierten Waren bei Events wie dem eigenen Weihnachtsbazar verkauft, doch das wird wohl nicht möglich sein. Die Produktionsschule hat sich dafür entschieden, einen Online-Shop auf die Beine zu stellen, in dem nicht nur die Sieger-Lampe verkauft werden wird.

Manuel Hauck