14.09.2020
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Eschweiler mit roter Mehrheit: ein emotionaler Wahlabend

Die Wahlkampfwochen endeten gestern Abend, entgegen der Erwartung, dass es zu einer Stichwahl um das Bürgermeisteramt kommen würde. Nadine Leonhardt setzte sich mit 50,9% der Stimmen knapp durch, während ihre Partei immer noch die stärkste Kraft ist, aber nicht die absolute Mehrheit hat. Der Rückblick eines Wahlabends, der nicht mit der Wahlparty im Rathaus, sondern an vielen verschiedenen Orten stattfand...

Der Bundes- und Landestrend sprach eine andere Sprache, doch schon bei den vergangenen Wahlen konnten die Sozialdemokraten diese Entwicklungen in Eschweiler widerlegen. Gestern Abend prognostizierte das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap mit den landesweiten Umfragewerten ein starkes Wachstum der Grünen, was für Eschweiler bei einer Wahlbeteiligung von 53,1% nur teilweise zutraf.

Hinter den Erwartungen
Die ersten Reaktionen nach den Wahlergebnissen von Gaby Pieta und Dietmar Widell, dem Spitzenduo der indestädtischen Grünen, war gemischt. Man freute sich, dass man mit 7,96% der Stimmen die Anzahl der Ratsmandate von zwei auf vier verdoppeln und auch das beste Ergebnis eines grünen Bürgermeisterkandidaten mit 4,2% erreichen konnte, doch dieser Trend lag weit hinter dem in anderen Gemeinden. Pieta und Widell richten den Blick nach vorne, auf die inhaltliche Arbeit und auf grüne Themen.

Deutlicher hinter den Erwartungen zurück blieben Die Linke mit Bürgermeisterkandidat Albert Borchardt. Er holte 1,8% der Stimmen, während seine Partei von 3,9% auf 2,3% absackte und nun mit nur einem Ratsmandat den Status einer Fraktion verloren hat. Das Ergebnis tat auch Borchardts Parteifreundin Sonia Siller weh: „Es kamen viele Menschen in den letzten Wochen zu uns und bestätigten uns, dass sie mit unserer Arbeit zufrieden sind und Hilfe brauchen.“ Die Linken gaben sich kämpferisch, dass das nicht das Ende von ihnen ist.

Neue Gesichter
Zwei neue Gruppen bewarben sich für den Stadtrat. Die Alternative für Deutschland gab unumwunden zu, dass sie mit mehr Stimmen gerechnet haben, so Michael Winterich. „Wir werden aber das Beste geben für die, die uns ihre Stimme gaben.“ Die AfD kam bei ihrer erstmaligen Kandidatur auf 4,1% der Stimmen und erhält somit zwei Plätze im Stadtrat.

Die Wählergruppe Eschweiler BASIS schaffte es hingegen aus dem Stand auf 7,1% und somit auf vier Ratsmandate. Bürgermeisterkandidat Christoph Häfner, der mit 9,3% der Stimmen als drittstärkster Teilnehmer aus dem Bürgermeisterrennen hervorging, zeigte sich dankbar und ehrgeizig: „Das ist ein super Ergebnis und die BASIS geht jetzt erst richtig weiter.“

„Neue Chancen“ nicht stark genug
Mit Patrick Nowicki entschieden sich die CDU und FDP dafür, ein Partei-Nichtmitglied gemeinsam bei der Bürgermeisterwahl zu unterstützen. Beide Parteien und Nowicki waren sichtlich betrübt, dass die neuen Chancen, die sie überparteilich in die Eschweiler Politik bringen wollten, nicht genug Wählerstimmen gebracht hatten. Patrick Nowicki holte 33,8% der Stimmen und schaffte es nicht, die sozialdemokratische Kontrahentin bei einer Stichwahl herauszufordern. Auf die CDU entfielen für den Stadtrat 28,0% der Stimmen (2014: 31,3%), sodass ihnen 14 Ratssitze zustehen, von denen sie zwei über Direktmandate holten. Thomas Schlenter, Stadtverbandsvorsitzender: „Das ist ein bitterer Abend für die CDU. Wir werden nun in Ruhe das Ergebnis analysieren, um in den nächsten Jahren mit Sachthemen punkten zu können.“ Stefan Schulze war enttäuscht, dass der Kampf für den Wandel nicht funktioniert hat, blickte trotzdem positiv auf die letzten Wochen zurück, in denen sich CDU und FDP gemeinsam für eine Sache eingesetzt haben. Die FDP konnte ihre Stimmen von 3,6% auf 4,4% ausbauen, sodass sie mit zwei Mandaten im Rat vertreten sein wird.

Bangen bei der SPD
Dass die SPD, die mit 46,1% deutlich, aber nicht mehr mit absoluter Mehrheit (2014: 51,3%) als stärkste Kraft aus der Wahl hervorging, kommentierte Stadtverbandsvorsitzender Oliver Liebchen so: „Ich freue mich sehr über dieses Wahlergebnis mit 23 Direktmandaten. Dass es so eindeutig wird, damit haben wir nicht gerechnet, aber es ist auch das Zeichen, dass die Bürger mit unserer Arbeit zufrieden sind.“ Bei der Kandidatur um das Bürgermeisteramt hätte man auf dem Zettel gehabt, in eine Stichwahl ziehen zu müssen. Am Ende wurde es spannend, nachdem der Zwischenstand 50,4% der Stimmen für Leonhardt verzeichnete, aber noch drei Wahlbezirke ausgezählt werden mussten, was einige Minuten auf sich warten ließ.

Die Erleichterung war deutlich zu spüren, als das Ergebnis feststand: 50,9% der gültigen Stimmen wählten Nadine Leonhardt als erste Bürgermeisterin von Eschweiler. Als sie, flankiert von ihrem engsten Team und ihrer Familie zu ihren Parteigenossen im großen Saal im Hotel Flatten stieß, war der Jubel groß. Leonhardt: „Ich werde 150% geben, damit wir weiterhin für die Menschen in Eschweiler da sind. Ich bin ja sonst immer vorbereitet, aber heute habe ich nichts vorbereitet. So etwas kann man nicht alleine schaffen“, waren die ersten Worte von Leonhardt, um anschließend ihren Unterstützern und den Wählern zu danken.

Die Gesamtergebnisse finden Sie unter: www.filmpost.de/wahl/aktuelle-zahlen

Manuel Hauck / Inès Tiede